Kleine Sattelkunde

Ihr Sattel ist kein Sitzmöbel. Der Sattel bildet die Kommunikation zwischen Ihrem Pferd und dem Reiter. Der Sattel transformiert Bewegungsabläufe des Pferdes zum Reiter und umgekehrt. Er ist deshalb ein hochkompliziertes, handgefertigtes Produkt, das Ihrem Pferd größtmögliche Bewegungsfreiheit während der Arbeit ermöglichen soll. Dem Reiter soll der Sattel größtmöglichen Komfort aber auch eine direkte Hilfengebung erlauben.

Gibt es einen „passenden“ Sattel?

Nein. Wenn man sich das „passen“ vorstellt, wie bei einem Reifen nach einer Felge, also mit einer vorgegebenen, unveränderbaren Form, so kann das auf den Sattel nicht zutreffen, da es sich um einen dynamischen, ständiger Veränderung unterworfenen Prozess handelt. Jedes Pferd zeigt von Natur aus in den unterschiedlichen Gangarten unterschiedliche Wölbungen der Wirbelsäule und Muskelkontraktionen. Es entstehen folglich unterschiedliche Kräfteverhältnisse zwischen Pferd und Reiter. Es scheint uns da sinnvoller, von einem funktionierenden Sattel zu sprechen. Schon die Definition eines passenden Sattels ist eigentlich unmöglich. Sitz und Einwirkung eines Reiters beeinflussen die Bewegungsdynamik jedes Pferdes so stark, dass ein Sattel, der bei einer bestimmten Reiter-Pferd-Kombination gut funktioniert, mit einem anderen Reiter unterschiedliche Belastungs- und Druckpunkte erzeugt, so dass die Individualtoleranz bei manchen Pferden überschritten wird und Probleme entstehen, die vorher nicht da waren. Deshalb sollte die Sattelwahl immer auf ein bestimmtes Pferd-Reiter-Paar ausgerichtet sein.

 

In welchem Zeitraum kann ein Pferd sich so verändern, dass ein ehemals „funktionierender“ Sattel nicht mehr funktioniert?

Innerhalb von wenigen Stunden kann ein Pferd durch Krankheit, Überforderung und Stress so stark in sich zusammenfallen, dass die Sattellage einen anders geformten Sattel braucht als vorher. Ein bis zwei Tage auf einer üppigen Weide oder eine ähnlich geartete Futteraufnahme können die Sattellage des Pferdes so stark auffüllen, dass ein Sattel plötzlich anfängt zu klemmen oder zu rutschen. Gezielte Bewegung, also Bodenarbeit oder Reiten, können die Muskulatur der Sattellage innerhalb weniger Tage so stark verändern, dass man besser eine andere Sattelform wählt. Ein Pferd, dass unter einem guten Reiter rund über die Aufwölbung des Rückens mit vorwärts abwärts gewählter Hals-Schulterpartie und unter dem Schwerpunkt gesetzter Hinterhand geht, kann wenige Minuten später unter einem anderen Reiter mit nach unten durchgedrücktem Rücken, hoher Kopfhaltung mit Hirschhals und hinterherschleifender Hinterhand ein gegensätzliches Bild bieten. Der vorher befriedigend zur Anwendung gekommene Sattel kann nun seinen Zweck nicht mehr erfüllen.

 

Symmetrie

Jedes Pferd hat von Natur aus zwei unterschiedliche Körperhälften und eine so genannte „bessere“ Hand. Die Unterschiede in den verschiedenen Körperpartien betragen normalerweise zwei bis drei Zentimeter, können aber bis zu zehn Zentimeter ausmachen. Nur eine fachmännische, konsequente Boden- und Reitarbeit können dieses Ungleichgewicht verbessern. Ein absolut gerades Pferd wird es jedoch nicht geben.

Ihr Sattel besteht zum größten Teil aus Leder und wurde in Handarbeit gefertigt, eine 100%ige Symmetrie kann dabei naturgemäß nicht entstehen. Selbst wenn es gelingen sollte, einen relativ symmetrischen Sattel zu bauen, so würde er sich nach kurzem Gebrauch von einem schiefen Reiter auf einem schiefen Pferd verformen, so dass er dann schief ist. Praktischerweise sind Aufbau und Materialien eines Sattels so gewählt, dass sie sich einem asymmetrischen, dynamischen Prozess anpassen können, damit dieser möglichst wenig behindert wird. Die Idee eines symmetrisch geraden Sattels widerspricht der Idee des Reitens schlechthin. Ein starres symmetrisches Gebilde kann nicht einen lebendigen, dynamischen und damit asymmetrischen Prozessunterstützen. Es können sich aber die Asymmetrien von Reiter, Pferd und Sattel unglücklich die Hand reichen, so dass eine „andere“ Asymmetrie des Sattels hergestellt werden muss, um ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen.

 

Sattel ist mit hochwertiger Polsterwolle gefüllt

Diese Art der Polsterung kann helfen, die Asymmetrie des Pferdes auszugleichen. Im Neuzustand wird das Sattelkissen oft weich und manchmal je nach Passform etwas dicker als im Endeffekt erforderlich gefüllt. Da es sich um ein Kissen aus Leder und in Handarbeit hergestellt handelt, kann auch hier kein hundertprozentiger symmetrischer Zustand erreicht werden. Im Gegenteil, es wird bezweckt, dass sich die Füllung durch unterschiedliche Kompression auf beiden Seiten unterschiedlich verdichtet und so ein natürlicher Anpassungsvorgang stattfindet. Wie dieser im einzelnen verläuft, kann nicht vorhergesagt werden. Unter Umständen muss nachgepolstert werden. Aus diesem Grund liegt auch ein neu gepolsterter Sattel oft etwas schwammiger.

 

Eingefärbtes Leder

Bei eingefärbtem Leder kann die Farbe durch Reibung abnutzen, da eine dauerhafte Durchfärbung des Leders aus Umweltschutzaspekten oft nicht möglich ist. Abgenutzte Farbe ist kein Garantiefall.